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Mein Name ist Afra

Leseprobe

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Der alte römische Gutshof lag ein gutes Stück außerhalb von Pitengouua im Südwesten, unterhalb der sanften Hänge des Weinlandes. Ein kleiner Bach floß in der Nähe und lieferte das nötige Wasser, ein schmaler Saumweg führte vom Hof nach Süden zu den Bergen, und eine in früheren Zeiten befestigte Straße hinunter zur Lecha, wo eine breite Furt des Flusses den Übergang zur Siedlung in Dornau und zur alten römischen Heerstraße Via Claudia ermöglichte. Der Hof lag frei und völlig ungeschützt da, umgeben von einer mittlerweile ganz zerfallenen und abgebrochenen, niedrigen Mauer, und war vor vielen Jahren sicher ein sehr imposanter Bau, aus mehreren kleinen und großen Häusern bestehend, mit überdachten Säulengängen, die die Räume verbanden, mit festen Mauern aus Tuffsteinen und Kalkmörtel, die Dächer mit roten Ziegeln gedeckt und die grauen Böden mit Schieferplatten ausgelegt oder mit festgestampftem Lehm geglättet. In mehreren Räumen gab es einen Herd aus Plattenziegeln, und eine Fußbodenheizung aus Tonröhren nach römischer Art sorgte für Wärme, auch in den Baderäumen, die mit bunten Fresken und leuchtenden Wandmalereien verziert waren. Doch daß der Hof heute nicht mehr bewirtschaftet wurde, sah jeder Besucher sofort, denn die Ziegeldächer waren zum Teil eingestürzt, die Mauern an manchen Stellen abgebrochen und geschleift, und die Getreidefelder rings um den Hof lagen schon lange Zeit brach. Der kleine Weiher am Hofeingang war fast versandet und es schwammen dort keine Fische mehr, und rings um die von Unkraut und wilden Hecken umgebenen Gebäude lagen Scherben und Schutt, zerbrochene Ziegel und Gefäßscherben aus Ton und Stein, flaches, durchscheinendes Fensterglas und viele alte, eiserne Nägel. Das ganze Anwesen machte einen einsamen, verlassenen Eindruck, und nur die kleine, vielfarbige Ziegenherde, die munter meckernd unter den großen Bäumen, die rings um den ganzen Hof Schatten spendeten, auf den Schutthügeln herum kletterte, ließ auf die Anwesenheit von Menschen schließen.

Die beiden Mädchen, die sich dem Gut von Osten näherten, gingen schnell und zielstrebig am sumpfigen Weiher vorbei zum Hofeingang, und sie ließen sich nicht durch das laute, warnende Bellen eines Hundes aus dem Hausinnern aufhalten. Die größere von beiden, ein schlankes, kräftiges Kind mit dicken Zöpfen von der Farbe reifer Kastanien, heller, durchscheinender Haut und leuchtend blauen Augen, hatte ihren Arm wie zum Schutz um die Schultern der kleinen, zierlichen Freundin gelegt, deren schmales, blasses Gesicht von Tränenspuren gezeichnet und ganz verschmiert war. Beide Mädchen trugen wadenlange Kittel aus dünnem, braunem Wollstoff über ihren leinenen Unterkleidern und einen geflochtenen Gürtel um die Taille, an dem verschiedener Zierat, wie einfache Glasperlen, Bergkristalle oder bunte Millefioriperlen, neben nützlichen Dingen wie Messer und beinernem Kamm hing. Um die Schultern hatten sie einen gewalkten, ärmellosen Umhang aus dicker Schafwolle geworfen, der von einer einfachen, eisernen Fibel über der Brust zusammen gehalten wurde, denn es war noch ziemlich kalt in diesem Frühjahr; und vom Klettern über Buschwerk und Sträucher und den vielen, tiefen Pfützen am Weg waren beide Mädchen naß und schmutzig geworden, der handbreite Saum der Kleider schlotterte durchweicht um ihre nackten Beine, und die dünnen, geschnürten Lederschuhe mit den Wadenwickeln darunter waren mit Wasser vollgesogen.