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Mein Name ist Afra

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Leseprobe

Hedwig, die in den ersten beiden Jahren von Richlint´s Ehe schon kränklich, aber nicht bettlägerig war, lehrte die junge Frau geduldig alles über den Haslachhof und seine Gewohnheiten. Sie ging mit ihr in jeden Vorratsschuppen und stieg in jeden feuchtkühlen Grubenkeller mit seinen Webstühlen hinab, sie zeigte ihr die Felder, die zum Anwesen gehörten und führte sie durch die Gemüsegärten, sie wies ihr in der nahen Umgebung die besten Plätze für Beeren und Pilze und legte Richlint den Grund für den ständig steigenden Reichtum der Sippe seit zwei Generationen dar, den Kohlenabbau am Weitenschoren. Dort am Berg hatte Sigiboto als junger Mann auf dem Land seines Vaters ein in der Mittagssonne glänzendes, offen aus der Erde tretendes Pechkohleflöz entdeckt, und seitdem schlugen die Knechte der Haslacher mit eisernen Hacken und Beilen tiefschwarze Klumpen aus dem Hügel und verschifften sie auf breiten Holzflößen auf der Lecha bis nach Augusburc, um die Kohle dort gegen harte Goldmünzen zu verkaufen. Das alles war reine Männerarbeit, Utz und Chuonrad führten die Aufsicht und überwachten den Transport und das Verladen an der Floßlände, und den Frauen auf dem Hof, Freien und Unfreien, blieb nur das bange Warten und Hoffen, daß die Flößer wieder gesund ins Haslach zurück gelangten. Nach Augusburc dauerte die Fahrt auf der wilden und ungestümen Lecha gut einen halben Tag, dabei kenterte so manches Floß in den Strudeln und Strömungen des Gebirgsflusses und begrub dabei einen Knecht für immer in den eiskalten und reißenden Fluten. Auch der Rückweg zum Hof war nicht ungefährlich für den kleinen Trupp, denn die Männer waren zu Fuß unterwegs, mit dem Gold vom Kohlehandel in den Beuteln und Taschen, und gemeine Strauchdiebe und Räuberbanden lauerten auf den Wegen und Trampelpfaden um die Städte auf leichte Beute.

Richlint war klug und geschickt, von schneller Auffassungsgabe, und bereits nach dem ersten Ehejahr leitete sie die Mägde bei allen Arbeiten an, kochte das Essen im Langhaus genau so, wie sie es von Hedwig gelernt hatte und wie es den Männern mundete, und wenn Chuonrad und Utz tagelang mit den Flößern unterwegs oder auf Märkten und Gerichtssitzungen in den Nachbargemeinden waren, dann verteilte sie die Aufgaben auch an die Knechte und trieb ihre Forderungen bei den Hörigen gerecht und nach alter Sitte ein. Sie arbeitete jeden Tag fast bis zur Grenze ihrer Kraft, doch niemals kam ein Wort der Klage oder des Unwillens über ihre Lippen, wenn sie auch selten lächelte und fröhlich war. Chuonrad hätte mit seiner Frau zufrieden sein können, denn sie war geschickt und fleißig, aber nach vier langen Jahren hatte sie noch immer kein Kind geboren, und für den Haslachbauern war ein männlicher Erbe das wichtigste Ziel seiner Heirat, seine Frau bedeutete ihm nichts.