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Mein Name ist Afra

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Leseprobe

Das Kloster der Insel lag auf einem Hügel oberhalb des großen Hofes, ein schmaler, von dichten Haselstauden und alten, hohen Buchen gesäumter Weg, mit großen Trittsteinen ausgelegt, führte die Pilger nach oben, wo sie von der Anhöhe aus einen herrlichen Blick über den ganzen Staphinse und seine Ufer hatten. An diesem Festtage der heiligen Anna, der Mutter der Gottesmutter Maria, waren sehr viele Leute auf die Insel gekommen, um das Fest feierlich in der Klosterkirche mit den Mönchen zu begehen, und ein schier unaufhörlicher Strom von unterschiedlichen Menschen, jung und alt, reich und arm, gesund und krank, bewegte sich langsam und ohne zu drängeln auf dem engen Pfad nach oben.

Die beiden kleinen Mädchen hielten sich schutzsuchend ob der vielen Menschen an den Händen des Meiers fest, die eine klein und zierlich, mit goldbraunem, lockigem Haar, das andere Kind um gut einen Kopf größer und ebenfalls schlank, aber mit kräftigen Gliedern und rötlichbraunen, dichten Zöpfen. Beide trugen ihr bestes Gewand, über dem Unterhemd aus gebleichtem Leinenstoff eine Tunika mit halblangen Ärmeln aus feiner, sorgfältig gewebter naturfarbener Wolle, und um die schmalen Hüften der Kinder war ein aus Birkenbast geflochtener Gürtel geschlungen, an dem außer allerhand Zierat und einigen nützlichen Dingen auch jeweils ein kleiner, noch leerer Behälter hing. Dieser sollte nach der heiligen Messe einige Wachsreste der Kerzen, die vor dem Altar mit seinen Reliquien brannten, aufnehmen und deren Wunderwirkung die Mädchen beschützen.

Die große Kirche lag auf dem höchsten Punkt der Insel, der Weg zu ihr führte an den einfachen Zellen der Mönche, dem Speiseraum, der Kuchl und dem schönen, gepflegten Klostergarten mit seinen genau nach Heilkräutern, Gemüsepflanzen und Blumen eingeteilten Beeten vorbei. Mit tief gesenkten Köpfen traten die beiden Kinder unter dem reich mit Ornamenten geschmückten Portal aus schweren Steinquadern, dessen Decke ein von begabten Steinmetzen mit Kreuzen und Blumenranken verzierter, mächtiger Quader aus Sandstein bildete, in das Halbdunkel der Kirche. Die mit Schnitzereien bedeckte Tür aus dickem Eichenholz stand weit offen und ließ im Eingangsbereich genügend Tageslicht herein, um die hölzernen Bänke für die Gläubigen und weit hinten im sanften Licht der über hundert Wachskerzen den höher gestellten Altar im rechteckigen Chor zu erkennen. Sehr schmale, hohe Fenster an der Südseite waren mit hauchdünn geschliffenen Halbedelsteinen verschlossen, nur halbwegs transparent, und ließen zusätzlich etwas gelbliches, schwaches Licht in das Kircheninnere. Der Boden bestand aus einem glatten, ebenen Estrich, und die Innenwände waren mit Kalkmörtel verputzt und über und über bemalt. Geschichten aus der Bibel, Engelsgestalten mit Flügeln und prunkvollen Gewändern, ornamentale Muster und Friese und Szenen aus dem Leben der Landbevölkerung schmückten in leuchtenden Farben den ganzen Innenraum. Durch das flackernde Licht der Kerzen schienen sich manche der gemalten Figuren zu bewegen, und die Kinder zuckten unwillkürlich zusammen, als sie an einer sehr lebendig gezeichneten Szene vorbeigingen, die eine Herde von Rindern mit ihrem Hirten zeigte. Der Hund, der die Herde bewachte, war so eindringlich dargestellt, mit großen, dunklen Augen und einer tiefroten Zunge, die aus dem Maul heraushing, daß es für einen kurzen Moment schien, als ob er sich bewegte und auf die Mädchen zulief, als ein Schatten auf ihn fiel. Die Kinder waren froh, als sie in einer der engen Bänke Platz fanden und den dämmrigen Raum mit all den ungewohnten, noch nie gesehenen Malereien in aller Ruhe betrachten konnten. Unaufhörlich wanderten die Augen der beiden Mädchen über die bunten Wände der Kirche, erkannten manchmal einen Heiligen an den Symbolen, die ihn umgaben, und staunten über die wunderschönen Engel, die jeden Winkel der Kirche ausfüllten.