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Mein Name ist Afra

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Leseprobe

Der schmale Weg war ein nur leidlich ausgetretener Saumpfad voller Löcher und Wurzeln, und obwohl das stämmige Pferd seine kleinen, harten Hufe mit dem Eisenbeschlag geschickt und sicher auf den Waldboden setzte, geriet es doch hin und wieder ins Stolpern, und die Frau klammerte sich fest an den starken Rücken des Reiters und verschränkte ihre Hände vor seinem flachen Bauch. Durch ihre Kleider spürte sie jede Bewegung seines Körpers, fühlte das fast unmerkliche Spiel der harten Muskeln und Sehnen des Mannes, mit denen er das Pferd lenkte, und sie horchte auf den Schlag seines Herzens und atmete tief den Geruch nach Rauch und Leder ein, den sein langes Haar verströmte. Trotz der Gefahren durch wilde Tiere und heidnische Spukgestalten im nächtlichen Wald fühlte sich die junge Frau so sicher und geborgen wie noch nie in ihrem Leben, und es schreckte sie weder das Geheul eines Wolfsrudels in der Ferne noch der klagende Schrei eines Waldkauzes hoch über ihr in den Baumwipfeln.

Am Rande der tiefen Schlucht stiegen die Reiter ab, denn der Abstieg zur Ambra war zu steil und gefährlich auf dem Rücken eines Pferdes, und der Mann ging voraus und führte das Tier den Abhang hinunter, zwischen riesigen Felsbrocken und undurchdringlichem Strauchwerk bahnte er für sich und die Frau einen Weg. Uralte Bäume überzogen mit ihrem Wurzelwerk den steilen Hangboden und ließen Mensch und Tier stolpern, und gefiederte Farne und feingliedrige Schachtelhalme streiften unentwegt die nackten Füße der Frau auf der mit feuchtem Moos überzogenen Erde. Immer wieder schaute sich der Mann um, ob die Frau ihm sicher folgte, und als sie unten am sandigen Flußbett auf einer kleinen, im Mondlicht liegenden Wiese angekommen waren, ließ er das Pferd frei, nahm den Sattel ab und legte ihm nur lockere Beinfesseln an, damit es beim Grasen nicht allzusehr behindert wurde. Dann nahm er die Hand der jungen Frau und geleitete sie vorsichtig und langsam über einen schmalen Brettersteg auf die andere Seite des wild strömenden Gebirgsflusses, an der schroffe Felswände senkrecht emporragten und das Rauschen der ungezähmten Ambra laut widerhallte. Dort führte eine steile Steige aus verwitterten Holzbalken, Steinen und Felsbrocken weit hinauf zu einer verborgen liegenden Höhle, gut versteckt hinter dichtem, nadeligem Gestrüpp lag der niedrige Eingang im Gestein und nur ein schmaler Vorsprung trennte die Höhle von der tiefen Schlucht.