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Fotos und Gestaltung:
Ernst Dopfer

Mein Name ist Afra

Prolog(Auszug)

Mein Name ist Afra. Keine der anderen Frauen oder Mädchen aus unserem Dorf Pitengouua trägt diesen Namen, noch habe ich ihn sonst irgendwo nennen gehört. Es ist ein ungewöhnlicher Name in unserer Gegend, in der die Mädchen Hiltibirc und Leutgard, Prisca oder Madeltrud heißen. Nach der heiligen Frau, deren Gebeine in Augusburc am Fluss  Lecha liegen und die für unseren Glauben gestorben ist, hat mich meine fromme Mutter  genannt, wohl auch deshalb, weil ich am Festtag der Märtyrerin Afra, am 7. August, geboren wurde. Die Enttäuschung meines Vaters Wezilo darüber, daß meine Mutter Rautgund wieder eine Tochter und keinen Sohn, der ihm nachfolgen konnte im Amt des Meiers, geboren hatte, war so groß, daß er die Wahl des Namens ganz seiner Frau überließ und auch das Neugeborene die ersten Tage kaum beachtete.

Mein Name ist Afra, und trotzdem ich den Namen dieser tapferen Heiligen trage, bin ich doch nicht standhaft und aufrecht geblieben wie sie, sondern war feige und mutlos und wollte vor allem meine eigene Haut retten. Über viele Jahrhunderte hinweg spreche ich heute von meiner Schuld und dem Unrecht, das ich und die Anderen aus meinem Dorf meiner Schwester im Herrn und guten Freundin Richlint und dem Vater ihres Kindes angetan haben. Diese Schuld zu sühnen habe ich Zeit meines irdischen Lebens versucht, aber Ruhe und Frieden kann es für mich nicht geben, solange nicht die ganze Geschichte erzählt worden ist. Wie ein dunkler Engel steht Richlint neben mir, mahnend und fordernd über all diese lange Zeit. Ihr selbst und ihrer Liebe zu dem Fremden muß Gerechtigkeit getan werden, und wenn sie ihren Frieden hat, dann werde auch ich den Meinen finden. Die wahre Geschichte, das, was wirklich passiert ist im Sommer des Jahres 955, als Richlint starb und uns ihr Kind zurückließ, diese Wahrheit will ich erzählen, und nichts soll beschönigt oder weggelassen werden, wenn es mir auch weh tut, mich an all dies zu erinnern.

Keiner von uns allen, die wir dabei waren, hat danach jemals wieder davon gesprochen, nie wieder fiel ihr Name oder der ihres Gefährten, noch wurde die Stelle erwähnt, an der sie ihre letzte Ruhe fand. Den Platz ihres Grabes weiß auch ich nicht, nur die vier Männer aus unserem Dorf, die den hastig zusammengebauten, rohen Bohlensarg auf den Karren luden und im Morgengrauen auf dem schmalen Trampelpfad in Richtung Süßer Flecken davonfuhren, nur diese Vier waren auf ihrem letzten Weg dabei. Aber nie kam ein einziges Wort über ihre Lippen, was sie mit dem Totenschrein getan hatten, oder wo Richlint’s Grabstätte, wenn sie denn eine hatte, zu finden war, und die vier Männer nahmen dieses Geheimnis mit in ihr eigenes Grab.

 So bleibt mir als letzte Erinnerung ihr Anblick im Sarg, bevor er verschlossen wurde. Ich selbst habe sie gewaschen, gekämmt und in ihr letztes Bett gelegt, das zu schmal für sie war, eng und zusammengepresst lag sie vor mir. Ihre Beine in den hohen Stiefeln hatte Richlint im Todeskampf zum Bauch hin hochgezogen, es gelang mir nicht, sie wieder ganz auszustrecken und den Leichnam gerade in die schnell gefertigte, zu lange und zu schmale Kiste zu legen. Ihre Arme wollte ich über der Brust kreuzen, nach guter christlicher Sitte, doch im Kampf mit dem Tod, dem sie in dieser Nacht auf keinen Fall begegnen wollte, hatte sie sich an den Hals gegriffen, versucht, Luft zu bekommen, versucht, die Kehle frei zu machen für ihren Atem. So gewaltig war ihr Kampf gewesen, so heftig ihr Widerstand, daß ich kurz nach ihrem letzten Atemzug schon ihre Arme nicht mehr frei bewegen , nicht mehr friedlich gekreuzt auf ihre zusammengefallene Brust legen konnte. Also presste ich sie mit etwas Gewalt seitlich an ihren Körper und versuchte, die Hände wie im tiefen Gebet unter ihrem Kinn übereinander zu legen. Es war eine merkwürdige, befremdende Haltung, wie ich sie nie vorher bei einem Leichnam gesehen hatte.

In der engen, schäbigen Holzhütte am Rande unseres Dorfes, in der Richlint im Kindbett gelegen hatte und ihr Leben zu Ende ging, waren zuviel Menschen und zuwenig Zeit, um meine Freundin schön und würdig, wie es sich gehörte, zu betten. Nur einige letzte Minuten blieben mir mit ihr, denn die Anderen drängten, wollten sie loshaben, sie so schnell wie nur irgend möglich verschwinden lassen aus unserer Gemeinschaft. Eine große Gefahr würde sie für uns alle, Männer, Frauen und Kinder aus unserem Dorf darstellen, wenn man sie bei uns finden würde, tot oder lebendig. Ich habe es geglaubt, damals, und nur deshalb, um mich und die Meinen zu schützen, habe ich so gehandelt und Richlint verraten...